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August

August mag keine Mathematik. Mathe lässt keinen Freiraum, kein Platz für Fantasie. Alles muss genauestens definiert werden, alles hat seine Regeln und Normen, und es gibt immer ein „Richtig“ und „Falsch“. Deshalb mag August keine Mathematik. Als er aufwacht, sich aufsetzt, und sich umguckt, hat sein Zimmer nur 3 Wände. Er mag nämlich auch keine rechten Winkel. Die sind immer gleich, immer langweilig, immer das Selbe. Darum hat er sich eigens ein Zimmer mit 3 Wänden konstruieren lassen, damit kein einziger Rechter Winkel da ist. An der Wand im Gegenüber hängt ein Bild, es zeigt einen Angler, mit Anglerhut, und Anglerstuhl und Anglerangel, wie ein Angler eben so aussieht, auf diesen Typischen Anglerbildern. Aber er angelt in einer Pfütze. August wundert sich über das Bild, und wer es wohl gemalt hat. Er kann sich nicht daran erinnern –Der Maler ist nämlich Demenzkrank. Eine Frau winkt durch die Tür und grüßt „Guten Morgen, August!“ „Guten Morgen“, erwidert August. An einem guten Tag hätte er ein „Doris“ hintendran gesetzt, aber heute weiß er nicht, dass sie Doris heißt. Sie hätte ihn abgeben können, als Pflegefall, in ein Altersheim bringen, oder sich Hilfe holen können. Aber hatte sie nicht. Sie jammerte nicht einmal. Doris wollte nicht jammern. Was sie wollte, war August. Er war ihr Mann, und sie seine Frau, und sie freute sich über jeden Tag, den sie zusammen verbringen konnten. „Komm, August, wir gehen malen!“ Sie nimmt ihn am Arm und führt ihn in den Keller, wo eine Staffelei steht; mit abgerundeten Ecken, denn August mag ja keine rechten Winkel. Auf der Leinwand sind ein paar scheinbar wahllose Linien und Kreise. „Oh Gott, das sieht ja schrecklich aus!“ meint August. „Dass hast du gemalt, August“ erwidert Doris. „Ein Glück, dass ich mich daran nicht mehr erinnern kann!“ lacht August. Vielleicht konnte er ja noch etwas dran retten. Er nimmt Pinsel und Farbe, seine Hand zittert ein wenig, aber das ist nicht so schlimm. Es klingelt an der Tür, „Ich geh, mal du ruhig weiter“ sagt Doris, und geht nach oben. Als sie öffnet steht da ein neuer Zivi. Doris seufzt, der junge Mann stellt sich vor und sie führt ihn nach unten. „August, das ist Marc. Aber du brauchst dir seinen Namen nicht zu merken, er ist in einer Woche eh wieder weg.“ Etwas schüchtern stellt Marc sich vor, dann führt Doris ihn nach Oben zu ein paar Keksen und einer Tasse Kaffee. „Ihr…Mann malt also noch?“ fragt Marc. „An manchen Tage, ja“ antwortet Doris freundlich. „I-ich dachte, er habe Demenz im Endstadium?“ fragt der Zivi vorsichtig. „Die Ärzte haben ihm noch 3 Jahre gegeben“ sagt Doris. „Ah, und wann war das?“ hakt der junge Mann nach. Doris lächelt: „Vor 5 Jahren“ meint sie. Sie guckt nachdenklich, dann sagt sie: „Ich glaube, Ich glaube er hat einfach vergessen zu sterben…“ Ich war gestern bei einem Poetry Slam, meinem 3. um genau zu sein. Aber nicht auf der Bühne, sondern als Zuschauer. Der Text war mein Lieblingstext an dem Abend. Ich hab ihn jetzt mit eigenen Worten wiedergegeben, aber an sich stammt er von Johannes Floehr. Von seinem ersten Text aus, hätte ich ihn wohl nicht ins Finale gewählt, aber ich bin froh, dass die Jury das anders gesehen hat, sonst hätt ich den Text nie gehört. „Er hat nur vergessen, zu sterben“ Dieser Satz hat sich ziemlich tief bei mir eingebrannt. Ich hab auch vergessen, zu sterben. Irgendwann, hab ich es einfach vergessen. 3 Jahre meines Lebens hab ich damit zugebracht, jeden Tag zu sterben. Und dann hab ich es irgendwann einfach vergessen. Ich war so mit Problemen und Menschen und Problemen von Menschen beschäftigt, dass ich einfach aufgehört hab, zu sterben, es einfach vergessen hab. Ich hab einfach vergessen zu sterben. Ich hab mir nur noch einen Tag gegeben, und das jeden Tag. Aber irgendwie…hab ich einfach vergessen zu sterben….
28.11.14 12:53
 


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(28.11.14 12:58)
http://www.podcastpoesie.de/wp-content/uploads/2012/12/johannes_floehr_wie_im_puppenhaus.mp3
hab ich grade gefunden...

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